Ich bin kein Psychologe, aber im Laufe der Jahre nun schon (beruflich) mit so vielen Menschen in Kontakt gekommen, dass ich eine Theorie aufgestellt habe. Ich kann mich heftig irren, aber...
Meine Theorie lautet:

"Der Mensch hat Angst vor der Freude, Wissen zu erlangen."

Die Welt ist hart. Das Leben ist hart. Um zu bestehen muss man selbst hart sein. Wer Schwäche zeigt, verliert. Wenn man die Berichte über U-Bahn-Schläger, Prügeleien in und vor Diskotheken, Bierzelten und Haltestellen im Fernsehen sieht oder im Radio davon hört, dann sollte das nicht verborgen geblieben sein. Mit diesen Informationen wachsen die Jugendlichen und auch die Kinder heute auf. Bereits früh am Morgen sieht man im Fernsehen japanische Comics, in denen so gut wie jede Uneinigkeit mit Kampf und Kraft gelöst wird.

So gut wie jeder meiner Teilnehmer und Teilnehmerinnen meiner Kurse aus sämtlichen Altersstufen hatten eine Sache gemeinsam. Stets löste es ein Glücksgefühl bei ihnen aus, wenn sie eine Sache verstanden hatten, eine Lösung nachvollziehen konnten. Das ist leicht zu beobachten, sie lächeln. (Mindestens.)

Ein Lächeln ist bekanntlich eine Gefühlsregung, die man nur ganz bestimmten Situationen zuordnet. Wenn man, um mal in meinem Umfeld der Erwachsenenbildung und in der Schule zu bleiben, beispielsweise eine schwierige Excel-Formel nach allen eigenen Vorgaben erstellt hat und diese Formel in allen erdenklichen Situationen auch funktioniert wie geplant, dann freut man sich darüber. Wenn man die Prüfung für den Motorradführerschein bestanden hat, freut man sich darüber.

Diese beiden Beispiele treffen aber nicht den Punkt. Es geht nicht um den Abschluss einer Sache, es geht darum zu verstehen, wie eine Sache zu lösen ist. Also nicht die Beendigung, der Abschluss, sondern die Sicherheit etwas erfolgreich zu einem Ende bringen zu können. Es geht um das erlangen des notwendigen Wissens und dessen Nutzung. Man ist sich sicher, das erlernte verwenden zu können.

Jugendliche und auch ältere Teilnehmer, alle empfinden so. Aber natürlich geben sie es nicht zu. Würden sie es zugeben, wäre das quasi eine Selbstoffenbarung, die sie nicht handhaben können.

Das genau ist das Problem. Sie sind es zwar gewohnt und durchaus imstande, die Folgen negativer Situationen abzuschätzen, aber sie sind nie oder selten damit in Berührung gekommen, wie es ist, eine positive Erfahrung gegenüber der "Brutalität der Realität" zu rechtfertigen. Dahinter zu stehen. Seine Ansicht und seine Empfindungen zu verteidigen. Das können sie nicht, weil sie es nicht gelernt haben. Bereits in den ersten Klassen der Schule gilt man schnell als Streber, wenn man etwas weiß oder kann, das andere nicht können oder wissen. Und Strebern klaut man im Winter die Mütze, öffnet in der Pause die Schultasche und klaut die mit salziger Butter bestrichenen Brötchen. Oder man sperrt sie in einen "Ballwagen" und schiebt diesen quer durch die Sporthalle gegen eine Wand.

Mein Gewissen plagt mich heute manchmal noch. Aber es paart sich mit einer kaum zu unterdrückenden Belustigung. Und ich kann mit Fug und Recht behaupten, niemals Kleinere geärgert zu haben. Mein "Mitbrötchenklauer" und ich waren nämlich die kleinsten Schüler der Klasse. Und der kurzzeitig stolze, eigentliche Besitzer der (leckeren) Brötchen war einer der größten Mitschüler!

Folglich wird man sich bei der nächsten Klassenarbeit davor hüten schneller fertig zu sein als andere Schüler. Man wird sich hüten, schneller mit der Lösung einer Aufgabe fertig zu sein, als diejenigen, die schneller rennen können als man selber. Noch weitaus mehr wird man sich hüten laut zu verkünden, dass man sich über alle Maßen darüber freut, verstanden zu haben, WIESO die 3 Winkel eines Dreiecks immer 180° sind. Wohlgemerkt verstanden, nicht auswendig gelernt! Die Freude darüber findet im Stillen statt und somit braucht man sie und sich auch vor niemandem zu verteidigen. Erzielt man hingegen beim Sport ein Tor, jubeln alle mit.

Es ist nicht die Aufgabe der Lehrer darauf hinzuweisen, dass es eine ganz wunderbare Sache ist, Wissen zu erlangen. Und erst recht ist es nicht die Aufgabe der Lehrer darauf hinzuweisen, dass eine 1 oder 2 in z.B. Mathe 20 mal wichtiger für die Weiterentwicklung der Menschheit ist, als das 2:1 beim Fußball. Es wäre die Aufgabe der Eltern. Aber viele Eltern sind oft selber so uneinsichtig oder einfältig oder 16 Jahre alt, dass ihnen ein solches Verständnis einfach fehlt. Und leider gilt allzu häufig der Spruch "Wie der Herr so's Gescherr!" Aber sie kommen ins Fernsehen mit ihrer Dummheit. Bei Britt, Arabella, Vera und wie sie alle heißen oder hießen, findet oder fand sich schon ein Plätzchen an dem man seine Geschichte erzählen kann.

Also was soll's...